Ich möchte dir heute etwas erzählen, das ich in meiner Praxis wirklich oft höre. Menschen
setzen sich hin, erreichen etwas, auf das sie lange hingearbeitet haben — und dann, nach
ein paar Tagen, sitzen sie mir gegenüber und sagen:
“Ich weiß nicht, warum es sich nicht anders anfühlt.”
Der neue Job. Die bestandene Prüfung. Die Beziehung, in die so viel Hoffnung geflossen ist.
Und dann verblasst der Glanz einfach — schneller, als man erwartet hätte. Und fast
automatisch kommt der nächste Gedanke: “Was jetzt?”
Wenn du das kennst: Du bist nicht undankbar. Du bist nicht verwöhnt. Das ist kein
Charakterfehler. Das ist dein Nervensystem, das genau das tut, wofür es gebaut wurde.
Dein Nervensystem kennt “Ankommen” gar nicht
Hier ist das Unbequeme: Unser Nervensystem ist nicht auf Zufriedenheit ausgelegt.
Es ist auf Überleben ausgelegt. Und Überleben heißt für ein Nervensystem: wachsam bleiben, weitersuchen, nie ganz zur Ruhe kommen.
Ein System, das sich entspannt zurücklehnt und sagt “das reicht jetzt”, war aus Sicht der Evolution ein Risiko.
Also ist unser Körper so verdrahtet, dass er beim Erreichen eines Ziels nicht in Ruhe abschließt, sondern fast augenblicklich wieder in einen leichten Alarmzustand zurückkehrt:
“Und jetzt? Was alsNächstes?”
Das läuft über Dopamin, aber eigentlich ist es viel grundlegender als das. Es ist dein
autonomes Nervensystem, das zwischen Aktivierung und Entspannung pendelt — und bei
den meisten von uns ist die Aktivierung der Standardzustand geworden.
Du wünschst dir etwas, dein System fährt hoch, Anspannung und Vorfreude bauen sich auf. Du bekommst es — und statt in echter Ruhe anzukommen, sackt die Erregung einfach ab und der nächste Reiz übernimmt.
Es ist, als würde dein Nervensystem “Sicherheit” gar nicht als Ziel kennen, sondern nur den nächsten Punkt am Horizont.
Warum sich das in der Beziehung besonders deutlich zeigt
Ich sehe das nicht nur bei Zielen im Außen. Ich sehe es ständig in Partnerschaften — und
dort wird es besonders spürbar, weil eine Beziehung ja eigentlich der Ort sein sollte, an dem
sich dein Nervensystem beruhigt.
Wo Bindung entsteht, weil dein Körper spürt: Hier bin ich sicher.
Aber wenn dein Nervensystem chronisch auf Aktivierung trainiert ist, reicht dieses Sicherheitsgefühl irgendwann nicht mehr.
Die anfängliche Verliebtheit — auch biochemischein Hochgefühl — lässt nach, und statt in eine tiefere, ruhigere Form der Nähe zu wechseln,meldet sich das alte Muster:
Unruhe, das Bedürfnis nach Bestätigung, das Gefühl, es fehle etwas, obwohl objektiv alles da ist.
Nicht, weil die Beziehung zu wenig gibt. Sondern weil ein übererregtes Nervensystem Ruhe manchmal wie Leere anfühlt.
Was deinem Nervensystem wirklich hilft
Ein paar Dinge, die ich meinen Klient:innen mitgebe — nicht als Kopf-Übungen, sondern als
Körper-Übungen, weil dein Nervensystem über den Körper erreicht wird, nicht über
Argumente:
Merk dir bewusst den Moment, in dem du etwas erreichst, und bleib einen Atemzug länger
dort, als du es normalerweise tun würdest. Beobachte, wie schnell die Anspannung wieder
hochkommt. Schon dieses bewusste Verweilen, auch nur drei tiefe Atemzüge,
signalisiert deinem Nervensystem: Es ist gerade nichts zu erledigen.
Du darfst kurz landen.
Schreib auf, was du schon hast. Wirklich, mit Stift und Papier, das ist kein Zufall —
Schreiben verlangsamt und reguliert. Streich dann durch, wonach du gerade so sehr greifst.
Für dein Nervensystem ist das ein Übungsreiz, um den Impuls “mehr, mehr, mehr” auch mal
auszuhalten, ohne sofort zu reagieren.
Und ganz wichtig: Reguliere dich nicht allein. Unser Nervensystem beruhigt sich am
zuverlässigsten in Ko-Regulation — also im Kontakt mit einem anderen, sicheren
Nervensystem.
Ein Erfolg, der gesehen und mitgefühlt wird, wirkt im Körper völlig anders als
derselbe Erfolg im Alleingang. Deshalb reicht es oft nicht, dir selbst zu sagen “sei stolz auf
dich” — dein Nervensystem braucht dafür manchmal ein Gegenüber.
Vom Reiz-Reaktions-Modus zurück in echte Ruhe
In der Existenzanalyse, mit der ich seit Jahren arbeite, sprechen wir davon, dass Lust
flüchtig ist, während Sinn trägt.
Aus Sicht des Nervensystems würde ich es so übersetzen:
Ein Leben, das sich am nächsten Reiz orientiert, hält dein System dauerhaft in Aktivierung.
Ein Leben, das sich an dem ausrichtet, was dir wirklich wichtig ist, gibt deinem
Nervensystem hingegen etwas, das es selten bekommt: einen Grund, tatsächlich zur Ruhe
zu kommen.
Du musst dein Nervensystem nicht allein umtrainieren.
Ein chronisch aktiviertes Nervensystem verändert sich nicht durch drei gute Vorsätze an
einem ruhigen Sonntagabend. Es braucht Wiederholung, Sicherheit im Kontakt — und oft ein
Gegenüber, das dabei hilft, alte Reaktionsmuster zu erkennen und neue, ruhigere
einzuüben.
Wenn dich das gerade beschäftigt, melde dich gerne für ein Erstgespräch.
Ich freue mich,dich kennenzulernen.
Patricia Saidler ist Psychotherapeutin und Paartherapeutin in Wien mit den Schwerpunkten
Existenzanalyse, Imago-Beziehungstherapie und Psychosomatik